Wir kamen recht spät abends in dem kleinen Ort an, an dem wir gestern schlafen sollten: Eine Frau begrüßte uns und lud uns ein in ein Zimmer, in dem schon ungefähr zehn Kinder schliefen. Während sie die wachen Kinder in leiser Stimme navigierte und dabei erst eine Matraze für uns hinlegt, wobei wir kurz dachten, dass wir da nun wohl zu zweit drauf passen müssen, sortierte sie die Kinder so um, dass wir eine zweite Matratze zugestanden bekamen. Plötzlich trat der Vater der Familie ein, durchbrach die Stille mit einem lauten As salamu alaykum gefolgt von sehr vielen „vallah Welcome, Welcome“ und einem breiten Lächeln. Er redete dann auch lange in normaler Zimmerlautstärke weiter, während die Kinder bis auf die älteste Tochter irgendwie weiterschliefen. Schnell werden uns noch Gemüse hingestellt – während wir schon halbzugedeckt auf der Matratze sitzen, weil uns zuvor „Schlaft, Schlaft“ gesagt wurde. Es folgte eine sehr nette Abfrage von Namen, woher man kommt, seit wann man hier ist.. mit viel Gelächter mit unseren drei Gastgebern. Irgendwann kehrte Ruhe ein, die am nächsten Morgen schnell von dem Gewusel der Kinder aufgelöst wurde. Es wird Verstecken gespielt (dessen regeln etwas unklar waren) und zwischendurch gefrühstückt. Nur einmal gibt es Aufregung, als ein Siedler nahe am Dorf vorbeifuhr (alle Kinder riefen plötzlich „Siedler, Siedler“), aber er war schnell wieder außer Sichtweite.
Gestern war ein Tag des langen Redens, was aber nach viel Aufregung auch nötig war. Ein älterer Palästinenser erzählte davon, wie sie in diesem Dorf verhinderten, dass sie durch die Apartheidmauer getrennt werden. Durch permanente Aktionen, Demonstrationen, und durch Organisierung und Einbeziehung des gesamten Dorfes in Komitees. Er ist schon lange, sein ganzes Leben aktiv, und war immer wieder im Gefängnis, und hat mit den unterschiedlichen Organisationen geredet. Er ist der Meinung, dass egal welche Organisation, die Palästinenser*innen sind gegen die Besatzung, und das sollte die Grundlage der Aktion sein. Die direkte Zusammenarbeit mit den Leuten, egal welche ideologische Ausrichtung oder welche Methoden sie nutzen. Er ist dabei sehr seinen eigenen Prinzipien verpflichtet. Es ist sehr einfach hier sehr wütend zu werden, es fällt uns schon schwer, gegenüber Soldaten und Siedlern nicht laut zu werden. Sie verhalten sich wie die schlimmsten Menschen. Er aber macht das schon seit ganzes Leben und bleibt jedes Mal ruhig und gefasst, auch, weil er an die Wichtigkeit des gewaltlosen bzw. gesellschaftlichen Widerstands glaubt.
Es ist hier zwar sehr anders als zuhause, aber wir sind definitiv Teil derselben Welt. Das ist von Europa aus gar nicht so leicht zu verstehen. Die Leute wollen ihr Leben leben, haben Träume und Wünsche. Wo wir uns gerade befinden, herrscht nicht einmal ‚direkt‘ Krieg – Wir bekommen zwar viel davon mit, aber er ist noch nicht hier wie er in Gaza ist. Stärker noch, aber am Ende ähnlich, ist es in Europa. In Europa ist es nicht so Krieg, wie es in der West Bank ist. In der West Bank fallen keine Bomben und in Europa gibt es keine Siedler. Der Krieg ist an beiden Orten. Wir müssen uns nur mit unterschiedlichen Normalisierungen und Formen des Krieges abfinden. Wenn die Bomben in Gaza, im Libanon fallen, dann fallen sie vom selben Himmel, von der selben Erde, auf die selben Menschen. Muss das erst nach Europa kommen, damit wir das verstehen?
– Z, Delegation al-Sadaaqa /
