Heute Nacht haben wir in einem kleinen Dorf am Rande der judäischen Wüste geschlafen. Sehr isoliert, aber in wunderschöner Landschaft. Früher war der nächstgrößere Ort noch ganz einfach zu Fuß zu erreichen. Die Kinder gingen dort zur Schule. Doch dann wurde Anfang der 2000er die Siedlung gebaut. Genau zwischen die beiden Dörfer.
Sie liegen nur 2,5km außeinander, doch um dorthinzugelangen mussten wir 12km zurücklegen. Rund 30min mit dem Auto. Denn aufgrund von Siedlergewalt ist es zu gefährlich zu Fuß zu gehen. Für Fahrzeuge ist die Strecke gar nicht mehr befahrbar. Die Folgen sind dramatisch. Die Kinder konnten nur noch mit Begleitung von Freiwilligen zur Schule gehen. Als diese wiederholt angegriffen und verletzt wurden übernahm die Armee den Job. Seit dem 7. Oktober jedoch nicht mehr. Nun laufen sie wieder alleine. Bis jetzt ist zum Glück noch nichts passiert, aber es ist nur eine Frage der Zeit.
Familien ohne Auto haben keinen Anschluss zu Infrastruktur. Bis zur nächsten befestigten Straße braucht man zu Fuß eine Stunde.
Kaum waren wir zurück in dem Ort wo wir uns meistens aufhalten, kam schon die Nachricht, dass das Militär vor Ort ist. Also wieder raus und beobachten, dokumentieren.
Eine Stunde lang streifte eine Gruppe von Soldaten durch den kleinen Ort. Ziellos scheinbar schauten sie sich um, schauten in Gärten und Häuser, durchsuchten vorbeifahrende Autos. Die Maschinengewehre immer im Anschlag.
Schließlich ließen sie sich auf der Veranda eines Hauses im Schatten nieder bis sie von einem Truck (mit obligatorischer übergroßer Israelfahne) abgeholt und zurück in die Siedlung gebracht wurden. Das ganze ist bereits ein Ritual. Jeden Freitag kommen sie mittlerweile ins Dorf. Letzte Woche waren sie drei Stunden dort, wurde uns erzählt.
Die Menschen gingen einfach weiter ihrer Arbeit nach. Wahrscheinlich das beste was sie dem erwidern können. Schließlich handelt es sich um eine Einschüchterungstaktik, soll sie verunsichern, zum aufgeben zwingen.
Eine Stunde später: erneut ein Schäfer auf palästinensischem Privatbesitz. Er lässt seine Schafe über die Felder trampeln und von den Olivenbäumen fressen. Dabei trägt er ein Maschinengewehr. Als die Palästinenser ihn auffordern ihr Land zu verlassen ruft er das Militär. Wer kommt sind Siedler aus der nahegelegenen Siedlung – in Militäruniform. Sogenannte Siedlersoldaten. Sie sind den Palästinensern bereits gut bekannt. Einer ist mit einem schwarzen Schlauchtuch vermummt. Erkennen kann man ihn trotzdem. Er ist US-Bürger, hat Angst in seiner Heimat Konsequenzen für sein gewalttätiges Verhalten zu bekommen. Er drängt uns zurück, nimmt uns unsere Pässe ab – das passiert fast jeden Tag. Was sie damit wollen ist unklar. Nach einiger Zeit werden wir gehen gelassen – mit der Bedingung, dass wir hinter eine imaginäre Linie zurückgehen. Wir befinden uns die ganze Zeit über auf palästinensischem Privatbesitz, doch jeden Tag tauchen neue Soldaten auf, die uns was von neuen Linien erzählen. Manche machen sich erst gar nicht die Mühe und sagen einfach wir sollen uns verpissen.
Jetzt Videos sichern, Berichte schreiben, dann geht es endlich ins Bett und hoffen, dass es heute Nacht keine Notfälle mehr gibt.
– Y, Delegation Sadaaqa

