Eindrücke von einem Tag im Dorf Tuwani

1) Beim wunderschönen Sonnenaufgang ist eine illegale Siedlung direkt neben dem Dorf zu sehen.

2) Siedler treiben ihre Schafe über das Land eines Bewohners im Dorf. Sie essen von seinen Olivenbäumen und nutzen sein Land. Er ruft die Polizei, aber sie machen wie immer nichts! Ein paar der Soldaten die kommen sind selber Siedler.

3) Ein Bewohner des Dorfes wird festgenommen, weil er die Soldaten filmt. Er wird ein paar Stunden nahe beim Dorf vor einer Hütte mit gefesselten Händen und verbunden Augen festgehalten.

4) Daraufhin fahren die Soldaten durch das Dorf. Das passiert täglich und sie drangsalieren die Bewohner*innen!

5) In der Nacht zuvor brechen Siedler*innen in das Haus in einem Dorf nebenan ein. Sie sagen ihnen wären Schafe geklaut worden. Das ist natürlich eine Lüge und ein Vorwand um die Palästinenser*innen zu bestehlen. Sowohl Militär und Polizei kommt und unterstützt die Siedler*innen und nimmt den Internationalist*innen vor Ort für ca. 1h die Pässe weg. Am Ende nehmen die Siedler*innen 6 Schafe mit und kommen ohne Konsequenzen davon. Die Palästinenser*innen seien selbst schuld.

 

So viel Ungerechtigkeit und Gewalt nur an einem Tag in einem kleinen Dorf.
​Das ist die Realität hier!
​Die Menschen im Dorf werden von ihrem eigenen Land getrieben und täglich drangsaliert.


X, Delegation Sadaaqa

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Erzählungen und abschweifende Gedanken von einem Tag im Dorf Tuwani

So, hier ist also mein erster „Tagebucheintrag“ aus Palästina. Ich kann es eigentlich gar nicht richtig glauben diese Worte zu schreiben. In der Vorbereitung haben wir geplant und geplant und es ist einfach nicht vergleichbar. Manchmal denkt man, man kann es sich vorstellen, wie es ist, hier zu sein, aber das ist nicht möglich. Hier zu sein bedeutet mir wirklich viel und es ist wirklich eine große Ehre das Land mit den ganzen Hügeln, den wuseligen Städten, den Olivenbäumen, den vielen Dörfern und so herzlichen Menschen kennenzulernen. Es ist eine Ehre den palästinensischen Widerstand direkt vor Ort mitzuerleben und auch selber auf eine Art Teil davon sein zu dürfen.

Nach einer langen Reise kommen wir am 18. September in Masafar Yatta an. Das ist eine Region im Süden Palästinas, die sehr ländlich geprägt ist. Viele Dörfer hier sind von der Gewalt von Sieder*innen betroffen. Seit Jahrzehnten kommen zionistische Siedler*innen in die Westbank und stehlen den Palästinenser*innen ihr eigenes Land und drangsalieren sie fast täglich.

Noch am Abend unserer Ankunft bekommen wir einen Anruf. Siedler brechen in ein Haus in einem Dorf neben an ein unter dem Vorwand, die Familie hätte ihnen Schafe geklaut. Natürlich stimmt das nicht und ist wieder einmal ein Vorwand, um die Palästinenser*innen vor Ort zu drangsalieren. Die Siedler tun hier echt alles um die Bewohner*innen von Masafa Yatta dazu zu zwingen ihr Dorf und Zuhause zu verlassen. Die Familien wohnen hier teilweise schon seit sehr langer Zeit. Sie kennen das Land so gut wie keiner. Doch schon so viele haben ihr Zuhause verlassen und ziehen in die nächstliegenden großen Städte, um der Gewalt zu entkommen. Doch einige bleiben. Einige aus Überzeugung, einige, weil sie einfach zu wenig Geld haben, um umzuziehen, vor allem in die Stadt.

Naja, ich schweife ab.

Die Siedler sind also in dem Haus als einige internationale Genoss*innen dazustoßen. Zum Glück ist niemand verletzt. Denn auch das ist jeden Tag Realität in der Westbank. Auch Polizei und Militär ist da. Die Genoss*innen fragen, ob sie in das Haus dürfen, aber es wird ihnen verwehrt. Stattdessen werden ihnen die Pässe abgenommen. Sie werden sowohl vom Militär als auch von den Siedlern bedrängt.

Um klar zu machen, was es hier heißt bedrängt zu werden: Sowohl Militär, Polizei als auch Siedler*innen können hier absolut alles tun, was sie wollen. Am Ende werden dann die Palästinenser*innen selber beschuldigt, sie seien die Ursache der Situation. Bedrängt zu werden heißt, großen (meist) Männern mit großen Gewehren, die sie dann immer wieder auf dich richten, gegenüberzustehen. Sie schreien dich an und schubsen dich. Uns nehmen sie vielleicht für einige Zeit den Pass weg. Vielleicht halten sie dich für einige Stunden fest. Sie greifen auch körplich an. Und ja, es wurden schon Internationalist*innen hier getötet.
Wie Aysenur Ezgi vor ca. 2 Wochen bei einer Demonstration in Beita.

Es ist nicht vergleichbar was Palästinenser*innen hier Tag für Tag in ihrem eigenen Land an Unterdrückung erfahren. Jede*r Palästinenser*in hier kennt jemanden, der ermordet oder verletzt wurde. Die meisten haben schon selbst oft Gewalt in verschiedensten Formen erfahren.

Zurück zu der Nacht.

Letztendlich klauen die Siedler 6 Schafe und fahren wieder zurück in ihre Siedlungen. Sie bestehlen die Familie, die sowieso nur wenig hat und nichts dagegen tun kann was ihnen wiederfährt. Währenddessen sitzen wir mit der Familie zusammen, trinken Tee und essen ein paar Früchte. Die Stimmung ist schon entwas angespannt, aber trotzdem auch gut. Der Mann, dem das Haus gehört, erzählt uns von der Geschichte der Region und auch vom Widerstand.
Hier ist Widerstand echt was anderes als in Europa. Hier ist Widerstand das alltägliche Leben. Widerstand ist, dass du existierst. Widerstand ist zu leben. Ich erinnere mich bei dem Gespräch an die kurdische Freiheitsbewegung. In dieser Bewegung heisst es: Biji Berxwedan Jîyan e! Es lebe das widerständige Leben! Widerstand heißt Leben!

Er erzählt davon, dass vor dem 7. Oktober mehr Menschen organisiert zusammengearbeitet haben und der organisierte Widerstand viel größer war. Wenn eine Familie in einem anderen Dorf angegriffen wurde, dann sind alle dazugekommen und haben sie zusammen verteidigt. Jetzt ist das anders. Alle haben selbst damit zu tun ihr Land, ihr Haus, ihre Familie zu verteidigen und zu beschützen.

Wenn er nicht jeden Tag raus auf sein Land geht, dann werden die Siedler*innen es ihm nehmen. Zu jeder Zeit kann ein Angriff passieren, vom Militär oder Siedler*innen. Im Gegensatz zum Norden, wo der organisierte Widerstand größer ist, gibt es hier mittlerweile kaum noch welchen. Auch die wöchentlichen Demos am Freitag gibt es mittlerweile nur noch in zwei Orten. Die Gewalt ist zu groß und die Menschen haben oft nicht die Zeit ihr Zuhause zu verlassen.
Trotzdem sind sie widerständig. Jedes kleine Kind hier weiß was ein Genozid ist, sieht jeden Tag schwer bewaffnete Siedler*innen oder Militär neben dem eigenen Zuhause vorbeilaufen oder herumfahren. Es besteht ein großes Bewusstsein in der gesamten Gesellschaft für den Widerstand. Es gibt gar keine andere Option.

Davon können wir in Deutschland, denke ich, noch viel lernen! Viele linke und auch „linksradikale“ Menschen suchen sich aus ob sie „aktiv“ sein wollen oder nicht. Wir denken in Westeuropa und vor allem in Deutschland wir haben die Wahl uns zu entscheiden widerständig zu sein. Natürlich ist es hier eine komplett andere Situation! Es ist nicht vergleichbar. Aber trotzdem sind unsere Kämpfe so eng verbunden! Der Krieg und der Genozid, der hier passiert, ist nicht abgekapselt von unserem Leben und Widerstand in Deutschland. Schon allein in dieser Woche denke ich mir was alles zuhause möglich ware, wenn wir wieder dieses Bewusstsein ausgraben würden, was hier bei jeder*m einzelnen Palastinenser*in so präsent ist! Genau dieses Bewusstsein will ich oder wollen wir nach Deutschland zurücktragen.

Eine Situation an dem Abend war noch sehr bedeutsam für mich. Irgendwann nach so einer Stunde kommt der Rettungswagen vorbei, um möglichst nahe zu sein falls jemand verletzt wird. Alle kennen sich hier. Sie trinken mit uns zusammen Tee. Die Familie und sie lachen viel und erzählen nebenbei von Attacken von Siedler*innen oder von Situationen, wo sie an einem Checkpoint mit einem Notfall nicht durchgelassen wurden. Einer der zwei Sanitäter wendet sich an uns: Er sagt, dass man nie aufhören darf zu lachen und auch solche Situationen mal mit einem Lachen zu erzählen. Wir dürften nie die Freude verlieren!

Ich muss an Zuhause denken und die Stimmung dort und auch in der radikalen Linken. Wie hoffnungslos ich manchmal bin und mit wie wenig Freude ich oder Genossinnen unsere „politischen“ Arbeiten machen oder somit auch am Leben haben. Diese Menschen erfahren einen Genozid und erleben so viel Gewalt und trotzdem verlieren sie nicht die Freude. Wie viele Situationen hatte ich schon in Deutschland und war von einer Kleinigkeit sooo frustriert und habe so schlechte Laune wegen der gesamten Situation der Gesellschaft. Ich denke diese Zeit hier in Palastina ist eine Chance diese Mentalitat hier mitzunehmen und die Energie, die ich hier erfahre und aufnehme, weiterzugeben. Aber natürlich sollte man auch nichts verschönigen! Auch hier gibt es sehr viel Hoffnungslosigkeit und Menschen sehen nicht den Sinn darin sich zu organisieren. Und das sind nicht wenige! Trotzdem widersetzen sie sich jeden Tag der Besatzung, allein dadurch, dass sie überhaupt hier sind.

So. Zurück zum Abend im Dorf.

Nach dieser ganzen Situation gehen alle schlafen und am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen und ab in den Garten direkt beim Haus. Die Siedlung der Zionist*innen nahe dem Dorf ist nur einen Hügel weiter. Es ist wirklich sehr nah! Wir gehen mit den Ziegen und ein paar Eseln (es ist auch ein wirklich sehr süßer Baby Esel dabei) auf das Feld. Es ist so friedlich irgendwie. So komisch. Es fühlt sich so friedlich an und es gibt hier wirklich absolut keinen Frieden.
Nach einiger Zeit kommen zwei Siedler mit ihren Schafen von einem Hügel über das Land von ihm. Das machen sie wohl öfter. Sie essen von seinen Olivenbäumen. Als wir sie entdecken, ruft er die Polizei. Als diese dann endlich da sind (sie lassen sich immer sehr viel Zeit oder kommen einfach gar nicht), erklärt er ihnen die Situation. Sie sagen, da könne man nichts machen und fahren wieder. Er scheint unbeeindruckt und meint, dass das eigentlich immer so abläuft. Manchmal nehmen sie ihn sogar fest wegen irgendetwas, was sie sich dann ausdenken.

Nach einiger Zeit kommt dann die nächste Nachricht: Ein Mann aus dem Dorf wurde festgenommen, weil er das Militar gefilmt hat. Wir gehen schnell zu einem Haus am Rand vom Dorf, wo ein paar Bewohner*innen auf uns warten und uns die Situation erklären. Ein paar Meter weiter aus dem Dorf raus ist eine kleine Hütte vom Militar. Dort steht ein Auto und so ca. 10 Soldaten. Der Mann sitzt angelehnt am Haus mit gefesselten Händen und verbundenen Augen. Wir bleiben einige Zeit da und filmen. Irgendwann gehen ein paar Soldaten los und das Auto kommt hinterher. Sie machen einen kleinen Rundgang durchs Dorf. Dann werden wir von einer anderen Person abgelöst. Es ist wichtig, dass die ganze Zeit jemand da ist und filmt. Das kann zum Einen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Soldaten ihm nichts antun. Zum Zweiten falls etwas passiert, ist es sehr wichtig das zu dokumentieren und wenn möglich zu veröffentlichen. Nach einigen Stunden wird er wieder freigelassen. Die Familie erzählt, dass sowas ziemlich regelmäßig passiert. Dannach bleibt die Lage für den Rest des Tages ruhig. Ich bin total platt von dem ganzen Stress und davon, dauerhaft in Bereitschaft zu sein.

Ich bin nur nach einem Tag angestrengt. Die Menschen hier in den Dörfern haben das jeden Tag und sind viel mehr Gewalt ausgesetzt als ich. Und ich habe immer die Möglichkeit zu gehen theoretisch.

Das war ein Tag in einem Dorf.
Kaum vorstellbar was an einem Tag in der ganzen Westbank passiert.
​Ganz zu schweigen von einem Jahr oder Jahrzenten von Unterdrückung und Genozid in Palästina.

– X, Delegation al-Sadaaqa / صداقة

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