Tagebucheintrag 30.9.

Heute Nacht haben wir in einem kleinen Dorf am Rande der judäischen Wüste geschlafen. Sehr isoliert, aber in wunderschöner Landschaft. Früher war der nächstgrößere Ort noch ganz einfach zu Fuß zu erreichen. Die Kinder gingen dort zur Schule. Doch dann wurde Anfang der 2000er die Siedlung gebaut. Genau zwischen die beiden Dörfer.
Sie liegen nur 2,5km außeinander, doch um dorthinzugelangen mussten wir 12km zurücklegen. Rund 30min mit dem Auto. Denn aufgrund von Siedlergewalt ist es zu gefährlich zu Fuß zu gehen. Für Fahrzeuge ist die Strecke gar nicht mehr befahrbar. Die Folgen sind dramatisch. Die Kinder konnten nur noch mit Begleitung von Freiwilligen zur Schule gehen. Als diese wiederholt angegriffen und verletzt wurden übernahm die Armee den Job. Seit dem 7. Oktober jedoch nicht mehr. Nun laufen sie wieder alleine. Bis jetzt ist zum Glück noch nichts passiert, aber es ist nur eine Frage der Zeit.
Familien ohne Auto haben keinen Anschluss zu Infrastruktur. Bis zur nächsten befestigten Straße braucht man zu Fuß eine Stunde.
Kaum waren wir zurück in dem Ort wo wir uns meistens aufhalten, kam schon die Nachricht, dass das Militär vor Ort ist. Also wieder raus und beobachten, dokumentieren.
Eine Stunde lang streifte eine Gruppe von Soldaten durch den kleinen Ort. Ziellos scheinbar schauten sie sich um, schauten in Gärten und Häuser, durchsuchten vorbeifahrende Autos. Die Maschinengewehre immer im Anschlag.
Schließlich ließen sie sich auf der Veranda eines Hauses im Schatten nieder bis sie von einem Truck (mit obligatorischer übergroßer Israelfahne) abgeholt und zurück in die Siedlung gebracht wurden. Das ganze ist bereits ein Ritual. Jeden Freitag kommen sie mittlerweile ins Dorf. Letzte Woche waren sie drei Stunden dort, wurde uns erzählt.
Die Menschen gingen einfach weiter ihrer Arbeit nach. Wahrscheinlich das beste was sie dem erwidern können. Schließlich handelt es sich um eine Einschüchterungstaktik, soll sie verunsichern, zum aufgeben zwingen.

Eine Stunde später: erneut ein Schäfer auf palästinensischem Privatbesitz. Er lässt seine Schafe über die Felder trampeln und von den Olivenbäumen fressen. Dabei trägt er ein Maschinengewehr. Als die Palästinenser ihn auffordern ihr Land zu verlassen ruft er das Militär. Wer kommt sind Siedler aus der nahegelegenen Siedlung – in Militäruniform. Sogenannte Siedlersoldaten. Sie sind den Palästinensern bereits gut bekannt. Einer ist mit einem schwarzen Schlauchtuch vermummt. Erkennen kann man ihn trotzdem. Er ist US-Bürger, hat Angst in seiner Heimat Konsequenzen für sein gewalttätiges Verhalten zu bekommen. Er drängt uns zurück, nimmt uns unsere Pässe ab – das passiert fast jeden Tag. Was sie damit wollen ist unklar. Nach einiger Zeit werden wir gehen gelassen – mit der Bedingung, dass wir hinter eine imaginäre Linie zurückgehen. Wir befinden uns die ganze Zeit über auf palästinensischem Privatbesitz, doch jeden Tag tauchen neue Soldaten auf, die uns was von neuen Linien erzählen. Manche machen sich erst gar nicht die Mühe und sagen einfach wir sollen uns verpissen.

Jetzt Videos sichern, Berichte schreiben, dann geht es endlich ins Bett und hoffen, dass es heute Nacht keine Notfälle mehr gibt.

– Y, Delegation Sadaaqa

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Wandmalereien bei unseren Gastgeber*innen

Ausblick vom Dach

Malbuch von einem der kleinen Gastgeber

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Tagebucheintrag 26.9.

Wir kamen recht spät abends in dem kleinen Ort an, an dem wir gestern schlafen sollten: Eine Frau begrüßte uns und lud uns ein in ein Zimmer, in dem schon ungefähr zehn Kinder schliefen. Während sie die wachen Kinder in leiser Stimme navigierte und dabei erst eine Matraze für uns hinlegt, wobei wir kurz dachten, dass wir da nun wohl zu zweit drauf passen müssen, sortierte sie die Kinder so um, dass wir eine zweite Matratze zugestanden bekamen. Plötzlich trat der Vater der Familie ein, durchbrach die Stille mit einem lauten As salamu alaykum gefolgt von sehr vielen „vallah Welcome, Welcome“ und einem breiten Lächeln. Er redete dann auch lange in normaler Zimmerlautstärke weiter, während die Kinder bis auf die älteste Tochter irgendwie weiterschliefen. Schnell werden uns noch Gemüse hingestellt – während wir schon halbzugedeckt auf der Matratze sitzen, weil uns zuvor „Schlaft, Schlaft“ gesagt wurde. Es folgte eine sehr nette Abfrage von Namen, woher man kommt, seit wann man hier ist.. mit viel Gelächter mit unseren drei Gastgebern. Irgendwann kehrte Ruhe ein, die am nächsten Morgen schnell von dem Gewusel der Kinder aufgelöst wurde. Es wird Verstecken gespielt (dessen regeln etwas unklar waren) und zwischendurch gefrühstückt. Nur einmal gibt es Aufregung, als ein Siedler nahe am Dorf vorbeifuhr (alle Kinder riefen plötzlich „Siedler, Siedler“), aber er war schnell wieder außer Sichtweite.

Gestern war ein Tag des langen Redens, was aber nach viel Aufregung auch nötig war. Ein älterer Palästinenser erzählte davon, wie sie in diesem Dorf verhinderten, dass sie durch die Apartheidmauer getrennt werden. Durch permanente Aktionen, Demonstrationen, und durch Organisierung und Einbeziehung des gesamten Dorfes in Komitees. Er ist schon lange, sein ganzes Leben aktiv, und war immer wieder im Gefängnis, und hat mit den unterschiedlichen Organisationen geredet. Er ist der Meinung, dass egal welche Organisation, die Palästinenser*innen sind gegen die Besatzung, und das sollte die Grundlage der Aktion sein. Die direkte Zusammenarbeit mit den Leuten, egal welche ideologische Ausrichtung oder welche Methoden sie nutzen. Er ist dabei sehr seinen eigenen Prinzipien verpflichtet. Es ist sehr einfach hier sehr wütend zu werden, es fällt uns schon schwer, gegenüber Soldaten und Siedlern nicht laut zu werden. Sie verhalten sich wie die schlimmsten Menschen. Er aber macht das schon seit ganzes Leben und bleibt jedes Mal ruhig und gefasst, auch, weil er an die Wichtigkeit des gewaltlosen bzw. gesellschaftlichen Widerstands glaubt.
Es ist hier zwar sehr anders als zuhause, aber wir sind definitiv Teil derselben Welt. Das ist von Europa aus gar nicht so leicht zu verstehen. Die Leute wollen ihr Leben leben, haben Träume und Wünsche. Wo wir uns gerade befinden, herrscht nicht einmal ‚direkt‘ Krieg – Wir bekommen zwar viel davon mit, aber er ist noch nicht hier wie er in Gaza ist. Stärker noch, aber am Ende ähnlich, ist es in Europa. In Europa ist es nicht so Krieg, wie es in der West Bank ist. In der West Bank fallen keine Bomben und in Europa gibt es keine Siedler. Der Krieg ist an beiden Orten. Wir müssen uns nur mit unterschiedlichen Normalisierungen und Formen des Krieges abfinden. Wenn die Bomben in Gaza, im Libanon fallen, dann fallen sie vom selben Himmel, von der selben Erde, auf die selben Menschen. Muss das erst nach Europa kommen, damit wir das verstehen?

– Z, Delegation al-Sadaaqa / 

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Tagebucheintrag 24.9.

Die Offensive gegen den Libanon und der damit beginnende (?) Krieg ist hier deutlich zu spüren – als wir die beiden Mädchen zur Schule begleiteten, raste ein Kampfjet hoch am Himmel mit einem lauten Dröhnen über unsere Köpfe. Später in den Nachrichten, konnten wir nachlesen, wo dieser Jet Menschen im Libanon bombardierte. Gestern schon waren zwei Helikopter zu sehen gewesen, und die Mädchen haben ihm den Mittelfinger gezeigt. Das Dröhnen war immer wieder den ganzen Tag zu hören, und machte mir ein unglaublich bedrückendes Gefühl. Wir sind hier an einer Gabelung: Je nach dem in welche Richtung die Flugzeuge fliegen, fliegen sie entweder nach Gaza oder in den Libanon. Gaza ist nicht weit, gar nicht weit. Und das ganze bekommt man mit, auf dem Schulweg. Und bei diesem Schulweg muss man begleitet werden, weil der Krieg auch hier ganz schnell Kinder angreift – durch die Siedler. Es ist auch befremdlich wie ’normal‘ diese Realität hier ist, wie die Menschen sich damit abfinden aber dann doch immer wieder in Konfrontation damit gehen. Einer erzählte mir, dass sie das alles schon kennen, ihr ganzes Leben kennen sie die Besatzung in ihren unterschiedlichen Formen – eher für die Israelis ist es erschreckend.
Später eine weitere Situation mit Siedlern auf dem Feld: Siedler kommen mit ihren Tieren, um die Olivenbäume der Palästinenser*innen zu zerstören, die Armee kommt zur selben Zeit (als hätten sie sich abgesprochen) um uns vom Filmen abzuhalten. Das zeigt auch, wie viel ihnen an dem Land liegt, was sie für sich beanspruchen. Ich spüre wie ich noch sehr eingeschüchtert in diesen Situationen agiere.
Abends gehen wir noch spontan zum schlafen bei einer Familie, der sie letzte Woche die Schafe gestohlen haben. Wir schlafen draußen, es ist sehr kalt. Alle halbe Stunde wache ich auf, um festzustellen, dass es immer noch kalt ist. Der Mond steht über uns. und im Hintergrund immer wieder das rauschen der Jets.

– Z, Delegation Sadaaqa

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Gedanken nach einer Woche in Palästina

Nach über einer Woche in Palästina schaffe ich es heute nun auch zum ersten Mal über meine Erfahrungen zu berichten. Eigentlich war der Plan jeden Tag oder alle zwei Tage unsere Erlebnisse zu dokumentieren, doch den Anspruch mussten wir schnell aufgeben. Direkt als wir angekommen sind haben wir gelernt – es sind viel zu wenige Internationals hier, alle haben Schlafmangel, niemand kann oder will sich eine Pause leisten. Denn dann steigt die Gefahr für die Familien hier in Masafer Yatta. Menschen werden verletzt, Häuser und Land zerstört, die Wasser- oder Stromversorgung gekappt, Tiere gestohlen. Aber wir können nicht überall sein. Und oft kommen wir zu spät. Natürlich passiert sowas auch wenn wir vor Ort sind, aber seltener, abgeschwächter. Warum? Das fragen sich viele. Ist es die Angst, dass die eigenen Verbrechen medial veröffentlicht werden? Die Angst dem zionistischen Ansehen zu Schaden? Oder einfach purer Rassismus? Die Angst vor Konsequenzen kann man guten Gewissens ausschließen, denn juristische, private oder soziale Konsequenzen hat das Verhalten der Siedler*innen so gut wie nie. Fakt ist aber ohne Solidarität von außen, durch Nachbarn, Palästinenser*innen, Internationals oder israelische Aktivist*innen könnten die Familien hier schon lange nicht mehr überleben.

Wie die Familien das seit Jahren durchhalten ist für mich unvorstellbar. Viele schlafen draußen – aus Angst vor Siedlern. Jedes längere Hundebellen in der Nacht lässt Unruhe aufkommen – viele wurden bereits durch Siedler verletzt, haben Angst um ihre Kinder. Die Konkurrenz um protective presence ist groß. Schließlich ist sie oft das einzigste was die Gewalt verhindern kann. Und trotzdem muss es seltsam sein ständig komplett Fremde im Haus zu haben, das gesamte Leben zu teilen. Gerade für die Kinder. Sie fangen an Vertrauen aufzubauen und nach wenigen Wochen sind die Menschen wieder weg. Trotzdem ist es schön zu sehen wie eng viele Familien ineinander sind und wie viel Freude sie haben, trotz der widrigen Lebensumstände. Und irgendwie ist das Leben dann doch auch ganz „normal“. Die Kinder gehen zur Schule, spielen, machen Späße untereinander. Alle verbringen viel Zeit auf TikTok.

Die meiste Zeit bei den Familien verbringen wir tatsächlich mit nichts tun, Tee trinken oder essen. Gastfreundschaft wird in Palästina groß geschrieben, ständig wird Tee, Kaffee oder Snacks serviert. Mir fällt es oft noch schwer abzuschätzen was ich ablehnen sollte und was nicht. Auf der einen Seite möchte ich die Gastfreudschaft wertschätzen und niemandem auf die Füße treten, auf der anderen Seite sehe ich wie viel die Frauen im Haushalt arbeiten und wie wenig viele Familien aufgrund der Umstände haben und möchte keine Last sein.
Viele kulturelle Unterschiede sind schwierig zu navigieren, aber die Familien sind sehr nachsichtig mit uns und wir versuchen so viel wie möglich zu lernen.
Obwohl in Palästina generell sehr gut Englisch gesprochen wird ist das in den ländlichen Dörfern oft schwieriger. Man versucht sich mit einzelnen Wörtern auf Arabisch oder Englisch und Zeichen zu verständigen. Auch Google Übersetzer mit Spracherkennung leistet gute Dienste. Und oft lernen wir auch gemeinsam „Shu had?“ „Shams“ „Sun“ besonders den Kindern macht das oft Spaß. Aber oft wünschte ich, ich würde mehr verstehen, die Geschichten der Leute kennenlernen, mich mit ihnen austauschen, sie richtig kennenlernen. So ist es auch oft leider nur ein aneinander vorbei leben.

Doch nicht immer bleibt es ruhig. Besonders wenn wir die Schäfer auf ihrem Land begleiten kommt es oft zu Agressionen von Siedlern oder Soldat*innen. Ich war bereits mehrmals dabei als Soldat*innen uns und ihn vom Grundstück eines Palästinensers vertreiben wollten. Legal ist das nicht. Aber es gibt natürlich auch genügend rechtliche Mittel mit denen Palästinenser*innen das Leben schwer gemacht wird. So darf er zum Beispiel sein Land nicht bestellen, sondern nur zum Weiden nutzen. Das heißt auch, dass nachdem die Armee seine gesamten Pflanzen, einen Garten voller Kürbisse, Oliven- und Feigenbäumen, zerstörte er diese nicht neu anpflanzen darf. Genauso dürfen Menschen, deren Häuser zerstört wurden diese nicht wiederaufbauen, da sie die Baugenehmigungen nicht bekommen. Bauen sie trotzdem, kommt die Armee erneut mit dem Bulldozer.

Aber meist braucht es diese vorgeschobenen Gründe gar nicht. In dem Fall in dem ich dabei war lautete die Begründung einfach „weil ich es sage“ und gleichzeitig wurde uns gedroht. Wenn wir nicht verschwinden würden, würden sie uns festnehmen und es würde „unschön“ werden. Im Endeffekt wurden ich und ein weiterer International nur kurz festgehalten und unsere Pässe kontrolliert, obwohl wir den Anweisungen gefolgt sind.

Siedler ist hier absichtlich oft nicht gegendert wenn es um Siedler geht, die bestimmte Dinge tun. In diesem Kontext habe ich bis jetzt nur Männer gesehen.

 

Y. – Delegation Sadaaqa

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Eindrücke von einem Tag im Dorf Tuwani

1) Beim wunderschönen Sonnenaufgang ist eine illegale Siedlung direkt neben dem Dorf zu sehen.

2) Siedler treiben ihre Schafe über das Land eines Bewohners im Dorf. Sie essen von seinen Olivenbäumen und nutzen sein Land. Er ruft die Polizei, aber sie machen wie immer nichts! Ein paar der Soldaten die kommen sind selber Siedler.

3) Ein Bewohner des Dorfes wird festgenommen, weil er die Soldaten filmt. Er wird ein paar Stunden nahe beim Dorf vor einer Hütte mit gefesselten Händen und verbunden Augen festgehalten.

4) Daraufhin fahren die Soldaten durch das Dorf. Das passiert täglich und sie drangsalieren die Bewohner*innen!

5) In der Nacht zuvor brechen Siedler*innen in das Haus in einem Dorf nebenan ein. Sie sagen ihnen wären Schafe geklaut worden. Das ist natürlich eine Lüge und ein Vorwand um die Palästinenser*innen zu bestehlen. Sowohl Militär und Polizei kommt und unterstützt die Siedler*innen und nimmt den Internationalist*innen vor Ort für ca. 1h die Pässe weg. Am Ende nehmen die Siedler*innen 6 Schafe mit und kommen ohne Konsequenzen davon. Die Palästinenser*innen seien selbst schuld.

 

So viel Ungerechtigkeit und Gewalt nur an einem Tag in einem kleinen Dorf.
​Das ist die Realität hier!
​Die Menschen im Dorf werden von ihrem eigenen Land getrieben und täglich drangsaliert.


X, Delegation Sadaaqa

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Erzählungen und abschweifende Gedanken von einem Tag im Dorf Tuwani

So, hier ist also mein erster „Tagebucheintrag“ aus Palästina. Ich kann es eigentlich gar nicht richtig glauben diese Worte zu schreiben. In der Vorbereitung haben wir geplant und geplant und es ist einfach nicht vergleichbar. Manchmal denkt man, man kann es sich vorstellen, wie es ist, hier zu sein, aber das ist nicht möglich. Hier zu sein bedeutet mir wirklich viel und es ist wirklich eine große Ehre das Land mit den ganzen Hügeln, den wuseligen Städten, den Olivenbäumen, den vielen Dörfern und so herzlichen Menschen kennenzulernen. Es ist eine Ehre den palästinensischen Widerstand direkt vor Ort mitzuerleben und auch selber auf eine Art Teil davon sein zu dürfen.

Nach einer langen Reise kommen wir am 18. September in Masafar Yatta an. Das ist eine Region im Süden Palästinas, die sehr ländlich geprägt ist. Viele Dörfer hier sind von der Gewalt von Sieder*innen betroffen. Seit Jahrzehnten kommen zionistische Siedler*innen in die Westbank und stehlen den Palästinenser*innen ihr eigenes Land und drangsalieren sie fast täglich.

Noch am Abend unserer Ankunft bekommen wir einen Anruf. Siedler brechen in ein Haus in einem Dorf neben an ein unter dem Vorwand, die Familie hätte ihnen Schafe geklaut. Natürlich stimmt das nicht und ist wieder einmal ein Vorwand, um die Palästinenser*innen vor Ort zu drangsalieren. Die Siedler tun hier echt alles um die Bewohner*innen von Masafa Yatta dazu zu zwingen ihr Dorf und Zuhause zu verlassen. Die Familien wohnen hier teilweise schon seit sehr langer Zeit. Sie kennen das Land so gut wie keiner. Doch schon so viele haben ihr Zuhause verlassen und ziehen in die nächstliegenden großen Städte, um der Gewalt zu entkommen. Doch einige bleiben. Einige aus Überzeugung, einige, weil sie einfach zu wenig Geld haben, um umzuziehen, vor allem in die Stadt.

Naja, ich schweife ab.

Die Siedler sind also in dem Haus als einige internationale Genoss*innen dazustoßen. Zum Glück ist niemand verletzt. Denn auch das ist jeden Tag Realität in der Westbank. Auch Polizei und Militär ist da. Die Genoss*innen fragen, ob sie in das Haus dürfen, aber es wird ihnen verwehrt. Stattdessen werden ihnen die Pässe abgenommen. Sie werden sowohl vom Militär als auch von den Siedlern bedrängt.

Um klar zu machen, was es hier heißt bedrängt zu werden: Sowohl Militär, Polizei als auch Siedler*innen können hier absolut alles tun, was sie wollen. Am Ende werden dann die Palästinenser*innen selber beschuldigt, sie seien die Ursache der Situation. Bedrängt zu werden heißt, großen (meist) Männern mit großen Gewehren, die sie dann immer wieder auf dich richten, gegenüberzustehen. Sie schreien dich an und schubsen dich. Uns nehmen sie vielleicht für einige Zeit den Pass weg. Vielleicht halten sie dich für einige Stunden fest. Sie greifen auch körplich an. Und ja, es wurden schon Internationalist*innen hier getötet.
Wie Aysenur Ezgi vor ca. 2 Wochen bei einer Demonstration in Beita.

Es ist nicht vergleichbar was Palästinenser*innen hier Tag für Tag in ihrem eigenen Land an Unterdrückung erfahren. Jede*r Palästinenser*in hier kennt jemanden, der ermordet oder verletzt wurde. Die meisten haben schon selbst oft Gewalt in verschiedensten Formen erfahren.

Zurück zu der Nacht.

Letztendlich klauen die Siedler 6 Schafe und fahren wieder zurück in ihre Siedlungen. Sie bestehlen die Familie, die sowieso nur wenig hat und nichts dagegen tun kann was ihnen wiederfährt. Währenddessen sitzen wir mit der Familie zusammen, trinken Tee und essen ein paar Früchte. Die Stimmung ist schon entwas angespannt, aber trotzdem auch gut. Der Mann, dem das Haus gehört, erzählt uns von der Geschichte der Region und auch vom Widerstand.
Hier ist Widerstand echt was anderes als in Europa. Hier ist Widerstand das alltägliche Leben. Widerstand ist, dass du existierst. Widerstand ist zu leben. Ich erinnere mich bei dem Gespräch an die kurdische Freiheitsbewegung. In dieser Bewegung heisst es: Biji Berxwedan Jîyan e! Es lebe das widerständige Leben! Widerstand heißt Leben!

Er erzählt davon, dass vor dem 7. Oktober mehr Menschen organisiert zusammengearbeitet haben und der organisierte Widerstand viel größer war. Wenn eine Familie in einem anderen Dorf angegriffen wurde, dann sind alle dazugekommen und haben sie zusammen verteidigt. Jetzt ist das anders. Alle haben selbst damit zu tun ihr Land, ihr Haus, ihre Familie zu verteidigen und zu beschützen.

Wenn er nicht jeden Tag raus auf sein Land geht, dann werden die Siedler*innen es ihm nehmen. Zu jeder Zeit kann ein Angriff passieren, vom Militär oder Siedler*innen. Im Gegensatz zum Norden, wo der organisierte Widerstand größer ist, gibt es hier mittlerweile kaum noch welchen. Auch die wöchentlichen Demos am Freitag gibt es mittlerweile nur noch in zwei Orten. Die Gewalt ist zu groß und die Menschen haben oft nicht die Zeit ihr Zuhause zu verlassen.
Trotzdem sind sie widerständig. Jedes kleine Kind hier weiß was ein Genozid ist, sieht jeden Tag schwer bewaffnete Siedler*innen oder Militär neben dem eigenen Zuhause vorbeilaufen oder herumfahren. Es besteht ein großes Bewusstsein in der gesamten Gesellschaft für den Widerstand. Es gibt gar keine andere Option.

Davon können wir in Deutschland, denke ich, noch viel lernen! Viele linke und auch „linksradikale“ Menschen suchen sich aus ob sie „aktiv“ sein wollen oder nicht. Wir denken in Westeuropa und vor allem in Deutschland wir haben die Wahl uns zu entscheiden widerständig zu sein. Natürlich ist es hier eine komplett andere Situation! Es ist nicht vergleichbar. Aber trotzdem sind unsere Kämpfe so eng verbunden! Der Krieg und der Genozid, der hier passiert, ist nicht abgekapselt von unserem Leben und Widerstand in Deutschland. Schon allein in dieser Woche denke ich mir was alles zuhause möglich ware, wenn wir wieder dieses Bewusstsein ausgraben würden, was hier bei jeder*m einzelnen Palastinenser*in so präsent ist! Genau dieses Bewusstsein will ich oder wollen wir nach Deutschland zurücktragen.

Eine Situation an dem Abend war noch sehr bedeutsam für mich. Irgendwann nach so einer Stunde kommt der Rettungswagen vorbei, um möglichst nahe zu sein falls jemand verletzt wird. Alle kennen sich hier. Sie trinken mit uns zusammen Tee. Die Familie und sie lachen viel und erzählen nebenbei von Attacken von Siedler*innen oder von Situationen, wo sie an einem Checkpoint mit einem Notfall nicht durchgelassen wurden. Einer der zwei Sanitäter wendet sich an uns: Er sagt, dass man nie aufhören darf zu lachen und auch solche Situationen mal mit einem Lachen zu erzählen. Wir dürften nie die Freude verlieren!

Ich muss an Zuhause denken und die Stimmung dort und auch in der radikalen Linken. Wie hoffnungslos ich manchmal bin und mit wie wenig Freude ich oder Genossinnen unsere „politischen“ Arbeiten machen oder somit auch am Leben haben. Diese Menschen erfahren einen Genozid und erleben so viel Gewalt und trotzdem verlieren sie nicht die Freude. Wie viele Situationen hatte ich schon in Deutschland und war von einer Kleinigkeit sooo frustriert und habe so schlechte Laune wegen der gesamten Situation der Gesellschaft. Ich denke diese Zeit hier in Palastina ist eine Chance diese Mentalitat hier mitzunehmen und die Energie, die ich hier erfahre und aufnehme, weiterzugeben. Aber natürlich sollte man auch nichts verschönigen! Auch hier gibt es sehr viel Hoffnungslosigkeit und Menschen sehen nicht den Sinn darin sich zu organisieren. Und das sind nicht wenige! Trotzdem widersetzen sie sich jeden Tag der Besatzung, allein dadurch, dass sie überhaupt hier sind.

So. Zurück zum Abend im Dorf.

Nach dieser ganzen Situation gehen alle schlafen und am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen und ab in den Garten direkt beim Haus. Die Siedlung der Zionist*innen nahe dem Dorf ist nur einen Hügel weiter. Es ist wirklich sehr nah! Wir gehen mit den Ziegen und ein paar Eseln (es ist auch ein wirklich sehr süßer Baby Esel dabei) auf das Feld. Es ist so friedlich irgendwie. So komisch. Es fühlt sich so friedlich an und es gibt hier wirklich absolut keinen Frieden.
Nach einiger Zeit kommen zwei Siedler mit ihren Schafen von einem Hügel über das Land von ihm. Das machen sie wohl öfter. Sie essen von seinen Olivenbäumen. Als wir sie entdecken, ruft er die Polizei. Als diese dann endlich da sind (sie lassen sich immer sehr viel Zeit oder kommen einfach gar nicht), erklärt er ihnen die Situation. Sie sagen, da könne man nichts machen und fahren wieder. Er scheint unbeeindruckt und meint, dass das eigentlich immer so abläuft. Manchmal nehmen sie ihn sogar fest wegen irgendetwas, was sie sich dann ausdenken.

Nach einiger Zeit kommt dann die nächste Nachricht: Ein Mann aus dem Dorf wurde festgenommen, weil er das Militar gefilmt hat. Wir gehen schnell zu einem Haus am Rand vom Dorf, wo ein paar Bewohner*innen auf uns warten und uns die Situation erklären. Ein paar Meter weiter aus dem Dorf raus ist eine kleine Hütte vom Militar. Dort steht ein Auto und so ca. 10 Soldaten. Der Mann sitzt angelehnt am Haus mit gefesselten Händen und verbundenen Augen. Wir bleiben einige Zeit da und filmen. Irgendwann gehen ein paar Soldaten los und das Auto kommt hinterher. Sie machen einen kleinen Rundgang durchs Dorf. Dann werden wir von einer anderen Person abgelöst. Es ist wichtig, dass die ganze Zeit jemand da ist und filmt. Das kann zum Einen die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Soldaten ihm nichts antun. Zum Zweiten falls etwas passiert, ist es sehr wichtig das zu dokumentieren und wenn möglich zu veröffentlichen. Nach einigen Stunden wird er wieder freigelassen. Die Familie erzählt, dass sowas ziemlich regelmäßig passiert. Dannach bleibt die Lage für den Rest des Tages ruhig. Ich bin total platt von dem ganzen Stress und davon, dauerhaft in Bereitschaft zu sein.

Ich bin nur nach einem Tag angestrengt. Die Menschen hier in den Dörfern haben das jeden Tag und sind viel mehr Gewalt ausgesetzt als ich. Und ich habe immer die Möglichkeit zu gehen theoretisch.

Das war ein Tag in einem Dorf.
Kaum vorstellbar was an einem Tag in der ganzen Westbank passiert.
​Ganz zu schweigen von einem Jahr oder Jahrzenten von Unterdrückung und Genozid in Palästina.

– X, Delegation al-Sadaaqa / صداقة

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