Gedanken nach einer Woche in Palästina

Nach über einer Woche in Palästina schaffe ich es heute nun auch zum ersten Mal über meine Erfahrungen zu berichten. Eigentlich war der Plan jeden Tag oder alle zwei Tage unsere Erlebnisse zu dokumentieren, doch den Anspruch mussten wir schnell aufgeben. Direkt als wir angekommen sind haben wir gelernt – es sind viel zu wenige Internationals hier, alle haben Schlafmangel, niemand kann oder will sich eine Pause leisten. Denn dann steigt die Gefahr für die Familien hier in Masafer Yatta. Menschen werden verletzt, Häuser und Land zerstört, die Wasser- oder Stromversorgung gekappt, Tiere gestohlen. Aber wir können nicht überall sein. Und oft kommen wir zu spät. Natürlich passiert sowas auch wenn wir vor Ort sind, aber seltener, abgeschwächter. Warum? Das fragen sich viele. Ist es die Angst, dass die eigenen Verbrechen medial veröffentlicht werden? Die Angst dem zionistischen Ansehen zu Schaden? Oder einfach purer Rassismus? Die Angst vor Konsequenzen kann man guten Gewissens ausschließen, denn juristische, private oder soziale Konsequenzen hat das Verhalten der Siedler*innen so gut wie nie. Fakt ist aber ohne Solidarität von außen, durch Nachbarn, Palästinenser*innen, Internationals oder israelische Aktivist*innen könnten die Familien hier schon lange nicht mehr überleben.

Wie die Familien das seit Jahren durchhalten ist für mich unvorstellbar. Viele schlafen draußen – aus Angst vor Siedlern. Jedes längere Hundebellen in der Nacht lässt Unruhe aufkommen – viele wurden bereits durch Siedler verletzt, haben Angst um ihre Kinder. Die Konkurrenz um protective presence ist groß. Schließlich ist sie oft das einzigste was die Gewalt verhindern kann. Und trotzdem muss es seltsam sein ständig komplett Fremde im Haus zu haben, das gesamte Leben zu teilen. Gerade für die Kinder. Sie fangen an Vertrauen aufzubauen und nach wenigen Wochen sind die Menschen wieder weg. Trotzdem ist es schön zu sehen wie eng viele Familien ineinander sind und wie viel Freude sie haben, trotz der widrigen Lebensumstände. Und irgendwie ist das Leben dann doch auch ganz „normal“. Die Kinder gehen zur Schule, spielen, machen Späße untereinander. Alle verbringen viel Zeit auf TikTok.

Die meiste Zeit bei den Familien verbringen wir tatsächlich mit nichts tun, Tee trinken oder essen. Gastfreundschaft wird in Palästina groß geschrieben, ständig wird Tee, Kaffee oder Snacks serviert. Mir fällt es oft noch schwer abzuschätzen was ich ablehnen sollte und was nicht. Auf der einen Seite möchte ich die Gastfreudschaft wertschätzen und niemandem auf die Füße treten, auf der anderen Seite sehe ich wie viel die Frauen im Haushalt arbeiten und wie wenig viele Familien aufgrund der Umstände haben und möchte keine Last sein.
Viele kulturelle Unterschiede sind schwierig zu navigieren, aber die Familien sind sehr nachsichtig mit uns und wir versuchen so viel wie möglich zu lernen.
Obwohl in Palästina generell sehr gut Englisch gesprochen wird ist das in den ländlichen Dörfern oft schwieriger. Man versucht sich mit einzelnen Wörtern auf Arabisch oder Englisch und Zeichen zu verständigen. Auch Google Übersetzer mit Spracherkennung leistet gute Dienste. Und oft lernen wir auch gemeinsam „Shu had?“ „Shams“ „Sun“ besonders den Kindern macht das oft Spaß. Aber oft wünschte ich, ich würde mehr verstehen, die Geschichten der Leute kennenlernen, mich mit ihnen austauschen, sie richtig kennenlernen. So ist es auch oft leider nur ein aneinander vorbei leben.

Doch nicht immer bleibt es ruhig. Besonders wenn wir die Schäfer auf ihrem Land begleiten kommt es oft zu Agressionen von Siedlern oder Soldat*innen. Ich war bereits mehrmals dabei als Soldat*innen uns und ihn vom Grundstück eines Palästinensers vertreiben wollten. Legal ist das nicht. Aber es gibt natürlich auch genügend rechtliche Mittel mit denen Palästinenser*innen das Leben schwer gemacht wird. So darf er zum Beispiel sein Land nicht bestellen, sondern nur zum Weiden nutzen. Das heißt auch, dass nachdem die Armee seine gesamten Pflanzen, einen Garten voller Kürbisse, Oliven- und Feigenbäumen, zerstörte er diese nicht neu anpflanzen darf. Genauso dürfen Menschen, deren Häuser zerstört wurden diese nicht wiederaufbauen, da sie die Baugenehmigungen nicht bekommen. Bauen sie trotzdem, kommt die Armee erneut mit dem Bulldozer.

Aber meist braucht es diese vorgeschobenen Gründe gar nicht. In dem Fall in dem ich dabei war lautete die Begründung einfach „weil ich es sage“ und gleichzeitig wurde uns gedroht. Wenn wir nicht verschwinden würden, würden sie uns festnehmen und es würde „unschön“ werden. Im Endeffekt wurden ich und ein weiterer International nur kurz festgehalten und unsere Pässe kontrolliert, obwohl wir den Anweisungen gefolgt sind.

Siedler ist hier absichtlich oft nicht gegendert wenn es um Siedler geht, die bestimmte Dinge tun. In diesem Kontext habe ich bis jetzt nur Männer gesehen.

 

Y. – Delegation Sadaaqa