Ende des Blogs aus der Westbank

Die Delegation Sadaaqa ist nach einem einmonatigen Aufenthalt nach Deutschland zurückgekehrt. Die beiden, die inhaftiert wurden, wurden abgeschoben, haben aber kein weiteres Verfahren zu erwarten. Es ist wichtig zu betonen, dass man als Europäer in israelischen Gefängnissen nicht allzu viel zu befürchten hat. Palästinenser*innen erleben im Gefängnis physische und psychische Gewalt, Folter oder sie überleben die Inhaftierung nicht. Unsere Herzen sind bei ihnen und ihren Angehörigen.

Nach ihrer Rückkehr haben die Delegierten damit begonnen, in Deutschland über ihre Erfahrungen im Westjordanland zu berichten. Wir setzen den Kampf für ein freies Palästina weiterhin fort und rebellieren gegen das faschistische und genozidale Deutschland, welches Mitverantwortung trägt.

Danke, dass fürs Lesen des Blogs und die Unterstützung!
Wenn ihr Ideen oder Anregungen habt, wie dieser Blog weitergeführt werden kann, schreibt uns an sadaaqa@proton.me oder auf unserer Instagramseite @_sadaaqa_

Stop the Genocide!
Free Palestine!

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Tagebucheintrag 12.10.

Gerade bin ich in Farkha, ein Ort von viel Hoffnung. Das Dorf ist ein Projekt des kollektiven und ökologischen Lebens, mit einer starken kommunistischen Bewegung. Farkha versucht sich seiner Verbindung zu seinem Land wieder bewusst zu werden und durch gemeinschaftliche Projekte sich unabhängig von sowohl der palästinensischen Autonomiebehörde, als auch dem israelischen Staat zu machen. Durch viele Komitees werden die Dorfbewohner*innen in die Verwaltung des Dorfes einbezogen – vor allem die Jugend hat eine besondere Stellung darin inne, demokratische Strukturen aufzubauen. Das Dorf hat auch eigene Frauenstrukturen, wie Frauenkooperativen, in denen sie Olivenöl produzieren, Paprika anbauen und vieles mehr.
Das Dorf versucht sich unabhängig von Israel und der PA zu machen, und ist damit sehr erfolgreich. Überall im Dorf gibt es Hausgärten, wo Leute anbauen, was sie brauchen. Der ‚Bürgermeister‘ sagte dazu: Das ist Freiheit.
An einem Abend schauen wir auf den Sonnuntergang. Die Natur hier ist wirklich unglaublich schön. Es macht mich verstehen, dass es in diesen ganzen Kämpfen eigentlich viel darum geht, zu einer natürlichen Lebensweise zu finden. Und dass der palästinensische Widerstand sich viel darum dreht, die Verbindung zum Land wieder aufzubauen. Denn die Natur ist sowieso viel älter, größer und stärker, als alles was diese kapitalistische Ordnung aufbringen könnte, das kleine Tel Aviv in der Ferne. Was ich faszinierend an Farkha finde, ist das vieles was wir schon an anderen Orten in Palästina sahen, hier nur voll entwickelt ist; das Dorf hat dieselben Probleme mit siedlern, und hat dieselben Antworten, es geht sie nur etwas organisierter an. Auf dem Dorfgebiet befanden sich auch unglaublich alte Olivenbäume – an einem sind wir stehen geblieben, der war über 2000 Jahre alt. Und das ist nur dadurch möglich, das Menschen da sind, die diese Bäume pflegen.
Der Blick von Farkha in die Ferne hat auch die Verbindungen klar gemacht – das liberale Leben in Tel Aviv, was die Realität hier vergisst, ist ganz eng verbunden mit den Siedlern, die hier direkt vor der Haustür sind, und den Raketen und Kampfjets, die über unsere Köpfe fliegen. In einem Gespräch mit einem Genossen meint er, wie Israel als koloniales Projekt den Neoliberalismus und dessen Lebensweise in den mittleren Osten gebracht hat. Als ich den Bürgermeister des Dorfes fragte, wie man den Widerstand dagegen und Organisierungen wie Farkha verbreiten könnte, meinte er nur „langsam, langsam“.

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Inhaftierung zwei unserer Delegierten

Zwei von uns sitzen gerade im israelischen Knast und warten auf ihre Abschiebung, wir wissen nicht genau, wie es ihnen geht, wir vermuten, dass sie misshandelt wurden, da es ihnen augenscheinlich nicht gut ging. Sie wurden am Donnerstag verhaftet wegen ihrer Berichterstattung in der West Bank und sitzen seitdem in israelischer Haft. Jede*r, der das tut, ist in den Augen des Militärs und des Staates Terrorist*in.
Wenn Palästinenser*innen das tun, dann droht ihnen Folter und lange Haftstrafen, so wie Sami Huraini, der bis zu 12 Jahren für seinen Aktivismus ins Gefängnis gehen könnte.
Wenn Palästinenser*innen in Gaza das tun, dann werden sie ermordet, zusammen mit ihren Kindern und Ehepartnern, wie die Journalistin und Aktivistin Wafa Al-Udaini, die am 30. September zusammen mit ihrem Ehemann Munir Atiyeh Al-Udaini, ihrer 5 Jährigen Tochter Balsam, und ihrem 7 Jährigen Sohn Tamim durch eine gezielte Bombardierung in ihrem Zuhause ermordet wurde.
Die zionistische Besatzungsmacht versucht jede Gegenstimme, jede Stimme die es wagt, von der Situation zu sprechen, zum Schweigen zu bringen.

Brecht dieses Schweigen!
Stoppt die Abschiebungen!
Wir werden nicht schweigen!
Palästina wird nicht schweigen!
Freiheit für alle politischen Gefangenen!
​Aus Sorge, dass sie juristisch weiter belastet werden könnte, wurde für die Zeit bis zur Gerichtsverhandlung hier nichts gepostet.

– Delegation Sadaaqa

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Tagebucheintrag 30.9.

Heute Nacht haben wir in einem kleinen Dorf am Rande der judäischen Wüste geschlafen. Sehr isoliert, aber in wunderschöner Landschaft. Früher war der nächstgrößere Ort noch ganz einfach zu Fuß zu erreichen. Die Kinder gingen dort zur Schule. Doch dann wurde Anfang der 2000er die Siedlung gebaut. Genau zwischen die beiden Dörfer.
Sie liegen nur 2,5km außeinander, doch um dorthinzugelangen mussten wir 12km zurücklegen. Rund 30min mit dem Auto. Denn aufgrund von Siedlergewalt ist es zu gefährlich zu Fuß zu gehen. Für Fahrzeuge ist die Strecke gar nicht mehr befahrbar. Die Folgen sind dramatisch. Die Kinder konnten nur noch mit Begleitung von Freiwilligen zur Schule gehen. Als diese wiederholt angegriffen und verletzt wurden übernahm die Armee den Job. Seit dem 7. Oktober jedoch nicht mehr. Nun laufen sie wieder alleine. Bis jetzt ist zum Glück noch nichts passiert, aber es ist nur eine Frage der Zeit.
Familien ohne Auto haben keinen Anschluss zu Infrastruktur. Bis zur nächsten befestigten Straße braucht man zu Fuß eine Stunde.
Kaum waren wir zurück in dem Ort wo wir uns meistens aufhalten, kam schon die Nachricht, dass das Militär vor Ort ist. Also wieder raus und beobachten, dokumentieren.
Eine Stunde lang streifte eine Gruppe von Soldaten durch den kleinen Ort. Ziellos scheinbar schauten sie sich um, schauten in Gärten und Häuser, durchsuchten vorbeifahrende Autos. Die Maschinengewehre immer im Anschlag.
Schließlich ließen sie sich auf der Veranda eines Hauses im Schatten nieder bis sie von einem Truck (mit obligatorischer übergroßer Israelfahne) abgeholt und zurück in die Siedlung gebracht wurden. Das ganze ist bereits ein Ritual. Jeden Freitag kommen sie mittlerweile ins Dorf. Letzte Woche waren sie drei Stunden dort, wurde uns erzählt.
Die Menschen gingen einfach weiter ihrer Arbeit nach. Wahrscheinlich das beste was sie dem erwidern können. Schließlich handelt es sich um eine Einschüchterungstaktik, soll sie verunsichern, zum aufgeben zwingen.

Eine Stunde später: erneut ein Schäfer auf palästinensischem Privatbesitz. Er lässt seine Schafe über die Felder trampeln und von den Olivenbäumen fressen. Dabei trägt er ein Maschinengewehr. Als die Palästinenser ihn auffordern ihr Land zu verlassen ruft er das Militär. Wer kommt sind Siedler aus der nahegelegenen Siedlung – in Militäruniform. Sogenannte Siedlersoldaten. Sie sind den Palästinensern bereits gut bekannt. Einer ist mit einem schwarzen Schlauchtuch vermummt. Erkennen kann man ihn trotzdem. Er ist US-Bürger, hat Angst in seiner Heimat Konsequenzen für sein gewalttätiges Verhalten zu bekommen. Er drängt uns zurück, nimmt uns unsere Pässe ab – das passiert fast jeden Tag. Was sie damit wollen ist unklar. Nach einiger Zeit werden wir gehen gelassen – mit der Bedingung, dass wir hinter eine imaginäre Linie zurückgehen. Wir befinden uns die ganze Zeit über auf palästinensischem Privatbesitz, doch jeden Tag tauchen neue Soldaten auf, die uns was von neuen Linien erzählen. Manche machen sich erst gar nicht die Mühe und sagen einfach wir sollen uns verpissen.

Jetzt Videos sichern, Berichte schreiben, dann geht es endlich ins Bett und hoffen, dass es heute Nacht keine Notfälle mehr gibt.

– Y, Delegation Sadaaqa

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Wandmalereien bei unseren Gastgeber*innen

Ausblick vom Dach

Malbuch von einem der kleinen Gastgeber

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Tagebucheintrag 26.9.

Wir kamen recht spät abends in dem kleinen Ort an, an dem wir gestern schlafen sollten: Eine Frau begrüßte uns und lud uns ein in ein Zimmer, in dem schon ungefähr zehn Kinder schliefen. Während sie die wachen Kinder in leiser Stimme navigierte und dabei erst eine Matraze für uns hinlegt, wobei wir kurz dachten, dass wir da nun wohl zu zweit drauf passen müssen, sortierte sie die Kinder so um, dass wir eine zweite Matratze zugestanden bekamen. Plötzlich trat der Vater der Familie ein, durchbrach die Stille mit einem lauten As salamu alaykum gefolgt von sehr vielen „vallah Welcome, Welcome“ und einem breiten Lächeln. Er redete dann auch lange in normaler Zimmerlautstärke weiter, während die Kinder bis auf die älteste Tochter irgendwie weiterschliefen. Schnell werden uns noch Gemüse hingestellt – während wir schon halbzugedeckt auf der Matratze sitzen, weil uns zuvor „Schlaft, Schlaft“ gesagt wurde. Es folgte eine sehr nette Abfrage von Namen, woher man kommt, seit wann man hier ist.. mit viel Gelächter mit unseren drei Gastgebern. Irgendwann kehrte Ruhe ein, die am nächsten Morgen schnell von dem Gewusel der Kinder aufgelöst wurde. Es wird Verstecken gespielt (dessen regeln etwas unklar waren) und zwischendurch gefrühstückt. Nur einmal gibt es Aufregung, als ein Siedler nahe am Dorf vorbeifuhr (alle Kinder riefen plötzlich „Siedler, Siedler“), aber er war schnell wieder außer Sichtweite.

Gestern war ein Tag des langen Redens, was aber nach viel Aufregung auch nötig war. Ein älterer Palästinenser erzählte davon, wie sie in diesem Dorf verhinderten, dass sie durch die Apartheidmauer getrennt werden. Durch permanente Aktionen, Demonstrationen, und durch Organisierung und Einbeziehung des gesamten Dorfes in Komitees. Er ist schon lange, sein ganzes Leben aktiv, und war immer wieder im Gefängnis, und hat mit den unterschiedlichen Organisationen geredet. Er ist der Meinung, dass egal welche Organisation, die Palästinenser*innen sind gegen die Besatzung, und das sollte die Grundlage der Aktion sein. Die direkte Zusammenarbeit mit den Leuten, egal welche ideologische Ausrichtung oder welche Methoden sie nutzen. Er ist dabei sehr seinen eigenen Prinzipien verpflichtet. Es ist sehr einfach hier sehr wütend zu werden, es fällt uns schon schwer, gegenüber Soldaten und Siedlern nicht laut zu werden. Sie verhalten sich wie die schlimmsten Menschen. Er aber macht das schon seit ganzes Leben und bleibt jedes Mal ruhig und gefasst, auch, weil er an die Wichtigkeit des gewaltlosen bzw. gesellschaftlichen Widerstands glaubt.
Es ist hier zwar sehr anders als zuhause, aber wir sind definitiv Teil derselben Welt. Das ist von Europa aus gar nicht so leicht zu verstehen. Die Leute wollen ihr Leben leben, haben Träume und Wünsche. Wo wir uns gerade befinden, herrscht nicht einmal ‚direkt‘ Krieg – Wir bekommen zwar viel davon mit, aber er ist noch nicht hier wie er in Gaza ist. Stärker noch, aber am Ende ähnlich, ist es in Europa. In Europa ist es nicht so Krieg, wie es in der West Bank ist. In der West Bank fallen keine Bomben und in Europa gibt es keine Siedler. Der Krieg ist an beiden Orten. Wir müssen uns nur mit unterschiedlichen Normalisierungen und Formen des Krieges abfinden. Wenn die Bomben in Gaza, im Libanon fallen, dann fallen sie vom selben Himmel, von der selben Erde, auf die selben Menschen. Muss das erst nach Europa kommen, damit wir das verstehen?

– Z, Delegation al-Sadaaqa / 

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Tagebucheintrag 24.9.

Die Offensive gegen den Libanon und der damit beginnende (?) Krieg ist hier deutlich zu spüren – als wir die beiden Mädchen zur Schule begleiteten, raste ein Kampfjet hoch am Himmel mit einem lauten Dröhnen über unsere Köpfe. Später in den Nachrichten, konnten wir nachlesen, wo dieser Jet Menschen im Libanon bombardierte. Gestern schon waren zwei Helikopter zu sehen gewesen, und die Mädchen haben ihm den Mittelfinger gezeigt. Das Dröhnen war immer wieder den ganzen Tag zu hören, und machte mir ein unglaublich bedrückendes Gefühl. Wir sind hier an einer Gabelung: Je nach dem in welche Richtung die Flugzeuge fliegen, fliegen sie entweder nach Gaza oder in den Libanon. Gaza ist nicht weit, gar nicht weit. Und das ganze bekommt man mit, auf dem Schulweg. Und bei diesem Schulweg muss man begleitet werden, weil der Krieg auch hier ganz schnell Kinder angreift – durch die Siedler. Es ist auch befremdlich wie ’normal‘ diese Realität hier ist, wie die Menschen sich damit abfinden aber dann doch immer wieder in Konfrontation damit gehen. Einer erzählte mir, dass sie das alles schon kennen, ihr ganzes Leben kennen sie die Besatzung in ihren unterschiedlichen Formen – eher für die Israelis ist es erschreckend.
Später eine weitere Situation mit Siedlern auf dem Feld: Siedler kommen mit ihren Tieren, um die Olivenbäume der Palästinenser*innen zu zerstören, die Armee kommt zur selben Zeit (als hätten sie sich abgesprochen) um uns vom Filmen abzuhalten. Das zeigt auch, wie viel ihnen an dem Land liegt, was sie für sich beanspruchen. Ich spüre wie ich noch sehr eingeschüchtert in diesen Situationen agiere.
Abends gehen wir noch spontan zum schlafen bei einer Familie, der sie letzte Woche die Schafe gestohlen haben. Wir schlafen draußen, es ist sehr kalt. Alle halbe Stunde wache ich auf, um festzustellen, dass es immer noch kalt ist. Der Mond steht über uns. und im Hintergrund immer wieder das rauschen der Jets.

– Z, Delegation Sadaaqa

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Gedanken nach einer Woche in Palästina

Nach über einer Woche in Palästina schaffe ich es heute nun auch zum ersten Mal über meine Erfahrungen zu berichten. Eigentlich war der Plan jeden Tag oder alle zwei Tage unsere Erlebnisse zu dokumentieren, doch den Anspruch mussten wir schnell aufgeben. Direkt als wir angekommen sind haben wir gelernt – es sind viel zu wenige Internationals hier, alle haben Schlafmangel, niemand kann oder will sich eine Pause leisten. Denn dann steigt die Gefahr für die Familien hier in Masafer Yatta. Menschen werden verletzt, Häuser und Land zerstört, die Wasser- oder Stromversorgung gekappt, Tiere gestohlen. Aber wir können nicht überall sein. Und oft kommen wir zu spät. Natürlich passiert sowas auch wenn wir vor Ort sind, aber seltener, abgeschwächter. Warum? Das fragen sich viele. Ist es die Angst, dass die eigenen Verbrechen medial veröffentlicht werden? Die Angst dem zionistischen Ansehen zu Schaden? Oder einfach purer Rassismus? Die Angst vor Konsequenzen kann man guten Gewissens ausschließen, denn juristische, private oder soziale Konsequenzen hat das Verhalten der Siedler*innen so gut wie nie. Fakt ist aber ohne Solidarität von außen, durch Nachbarn, Palästinenser*innen, Internationals oder israelische Aktivist*innen könnten die Familien hier schon lange nicht mehr überleben.

Wie die Familien das seit Jahren durchhalten ist für mich unvorstellbar. Viele schlafen draußen – aus Angst vor Siedlern. Jedes längere Hundebellen in der Nacht lässt Unruhe aufkommen – viele wurden bereits durch Siedler verletzt, haben Angst um ihre Kinder. Die Konkurrenz um protective presence ist groß. Schließlich ist sie oft das einzigste was die Gewalt verhindern kann. Und trotzdem muss es seltsam sein ständig komplett Fremde im Haus zu haben, das gesamte Leben zu teilen. Gerade für die Kinder. Sie fangen an Vertrauen aufzubauen und nach wenigen Wochen sind die Menschen wieder weg. Trotzdem ist es schön zu sehen wie eng viele Familien ineinander sind und wie viel Freude sie haben, trotz der widrigen Lebensumstände. Und irgendwie ist das Leben dann doch auch ganz „normal“. Die Kinder gehen zur Schule, spielen, machen Späße untereinander. Alle verbringen viel Zeit auf TikTok.

Die meiste Zeit bei den Familien verbringen wir tatsächlich mit nichts tun, Tee trinken oder essen. Gastfreundschaft wird in Palästina groß geschrieben, ständig wird Tee, Kaffee oder Snacks serviert. Mir fällt es oft noch schwer abzuschätzen was ich ablehnen sollte und was nicht. Auf der einen Seite möchte ich die Gastfreudschaft wertschätzen und niemandem auf die Füße treten, auf der anderen Seite sehe ich wie viel die Frauen im Haushalt arbeiten und wie wenig viele Familien aufgrund der Umstände haben und möchte keine Last sein.
Viele kulturelle Unterschiede sind schwierig zu navigieren, aber die Familien sind sehr nachsichtig mit uns und wir versuchen so viel wie möglich zu lernen.
Obwohl in Palästina generell sehr gut Englisch gesprochen wird ist das in den ländlichen Dörfern oft schwieriger. Man versucht sich mit einzelnen Wörtern auf Arabisch oder Englisch und Zeichen zu verständigen. Auch Google Übersetzer mit Spracherkennung leistet gute Dienste. Und oft lernen wir auch gemeinsam „Shu had?“ „Shams“ „Sun“ besonders den Kindern macht das oft Spaß. Aber oft wünschte ich, ich würde mehr verstehen, die Geschichten der Leute kennenlernen, mich mit ihnen austauschen, sie richtig kennenlernen. So ist es auch oft leider nur ein aneinander vorbei leben.

Doch nicht immer bleibt es ruhig. Besonders wenn wir die Schäfer auf ihrem Land begleiten kommt es oft zu Agressionen von Siedlern oder Soldat*innen. Ich war bereits mehrmals dabei als Soldat*innen uns und ihn vom Grundstück eines Palästinensers vertreiben wollten. Legal ist das nicht. Aber es gibt natürlich auch genügend rechtliche Mittel mit denen Palästinenser*innen das Leben schwer gemacht wird. So darf er zum Beispiel sein Land nicht bestellen, sondern nur zum Weiden nutzen. Das heißt auch, dass nachdem die Armee seine gesamten Pflanzen, einen Garten voller Kürbisse, Oliven- und Feigenbäumen, zerstörte er diese nicht neu anpflanzen darf. Genauso dürfen Menschen, deren Häuser zerstört wurden diese nicht wiederaufbauen, da sie die Baugenehmigungen nicht bekommen. Bauen sie trotzdem, kommt die Armee erneut mit dem Bulldozer.

Aber meist braucht es diese vorgeschobenen Gründe gar nicht. In dem Fall in dem ich dabei war lautete die Begründung einfach „weil ich es sage“ und gleichzeitig wurde uns gedroht. Wenn wir nicht verschwinden würden, würden sie uns festnehmen und es würde „unschön“ werden. Im Endeffekt wurden ich und ein weiterer International nur kurz festgehalten und unsere Pässe kontrolliert, obwohl wir den Anweisungen gefolgt sind.

Siedler ist hier absichtlich oft nicht gegendert wenn es um Siedler geht, die bestimmte Dinge tun. In diesem Kontext habe ich bis jetzt nur Männer gesehen.

 

Y. – Delegation Sadaaqa

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